12:05 Uhr. Ich stehe im Flur und habe gerade beschlossen nun die Homeoffice Mittagspause zu beginnen.
Kurz muss ich an meinen vor einem halben Jahr verstorbenen Opa denken, der mir mal erzählt hat das er für seine erste Ausbildung zum Tischler 1h zur Arbeit gelaufen ist, egal ob Hitze oder Schnee, durch die Stadt und über die Felder ins nächste Dorf. Dort hat er etwas geleistet, konstruiert und mit den eigenen Händen etwas erschaffen, im Idealfall etwas das bleibt über Generationen hinweg.
Mir hat man geraten zu studieren, erst an der Uni, später an der Fachhochschule, Hauptsache etwas mit Ingenieurswissenschaft und Diplom, irgendwie bin ich dann im Labor und später im Technikum gelandet und dann kam irgendein Headhunter um die Ecke und hat mir eine neue Position in einem jungen dynamischen Umfeld aufgeschwatzt. Jetzt schimpfe ich mir wohl Fertigungstechnologe, an der ein oder anderen Maschine stand ich wohl auch mal, aber etwas selbst angefasst habe ich höchst selten. Ich bin eher einer dieser modernen Wissensarbeiter, die im Homeoffice sitzen und sich in mehreren Meetings abstimmen müssen bis genug abgestimmt ist und Dokumente hin- und herschieben, kurzum ich drücke kleine schwarze Knöpfe und kreiere digitale Texte auf nicht vorhandenem Papier, wirklich etwas erschaffen das bleibt tue ich nicht und das macht irgendwie unzufrieden also habe ich mich beworben.
Gerade als ich die Schuhe anziehen will klingelt mein Smartphone. Na gut klingeln ist übertrieben, schon wenige Tage nach Anschaffung dieser technischen Wunderwaffe irgendwann Anfang der 2010er Jahre habe ich entschieden alle Töne auszuschalten, weil ich die Kontrolle über mein Smartphone und Leben haben möchte und nicht umgekehrt.
Die Vorwahl +89 leuchtet auf meinem Display. München das weiß ich sofort, denn da war ja mal die Sache mit sky. Funfact, wer bei sky kündigen möchte kann dies nicht online tun, sondern muss anrufen. Vorwahl +89 und dann landet man bei einem Berater der einem 10 min lang alle Entertainment Pakete vorstellt und mehrfach seine tiefste persönliche Betroffenheit zum Ausdruck bringt das man sky verlassen will. Wenn man es dann irgendwann doch geschafft hat zu kündigen bekommt man aller 2 Tage Post mit neuen Angeboten und tägliche Anrufe mit der Vorwahl +89 es hat sich also eingebrannt.
Ich entscheide mich also ran zu gehen, immerhin hatte ich mich vor kurzem ja beworben.
Ich melde mich kurz mit Namen dann geht es auch schon los. Pichler, Nonstop consulting Herr ich habe ein Angebot für sie wenn sie das gehört haben werden sie sich die Finger lecken danach, Top Unternehmen, Branchenführer, aber Inhabergeführt, gerade richtig stark am wachsen in der Biotechbranche, bis zu 85k hat man mir freigegeben wenn der ideale Kandidat dabei ist und wenn ich ihre Vita lese, top muss ich sagen, da passen sie perfekt rein, ganz junges Team da können sie richtig was bewegen, das wird der Gamechanger für Ihre Karriere na was sagen sie dazu.
„Herr Pichler ich bedanke mich für Ihr Angebot, aber würden Sie mir freundlicherweise verraten wo das Unternehmen sitzt“
„Ja Herr gut das sie fragen die Sache hat einen kleinen Haken es ist nicht ganz um die Ecke, genauer gesagt bei Bern in der Schweiz.
Da ich gerade bei google maps bin suche ich mir die Strecke raus. 8 Tage und 6h berechnet google maps, ohne Pause. Sicherheitshalber mit einer Warnung das die Route eventuell nicht mit realen Bedingungen übereinstimmt, über eine Landesgrenze führt und eine Fährstrecke beinhaltet.
Ich antworte dem Herrn Pichler uns sage: „Sagen Sie Ihrem Kunden ich bin in 9 Tagen da“ und lege auf.
Und so spaziere ich los zu meiner Mittagspause, wie immer sitzen 2 Trinker vor der Samariter Kirche und viele Leute in den Cafés. Ich überlege und frage mich ernsthaft, wer arbeitet heutzutage eigentlich noch so richtig.
Es freut mich richtig in dem kleinen Mittagslokal an der Frankfurter Allee zu sehen, wie gut gekocht und freundlich serviert, hier fühle ich mich wohl, lasse mir Süßkartoffelpommes als Nachschlag bringen und lasse die Gedanken kreisen.
Ich schaue auf mein Telefon, Vorwahl +30 aus Berlin, das klingt gut denke ich mir und gehe ran.
„Ja guten Tag Frau von WVA Arbeitsvermittlung – Wir Verarschen Arbeitslose oh Entschuldigung da habe ich mich versprochen Wir Vermitteln Arbeitnehmer natürlich, ich habe da ein Angebot im Verpackungsbereich, Vollzeit, 3 Schichtsystem mit Wochenendarbeit, ganz guter Stundenlohn so um die 13€ zum Einstieg, die Stelle ist befristet für 6 Monate aber es bestehen gute Chancen das wir nach 6 Monaten jemanden finden der es noch günstiger macht als sie oh Entschuldigung da habe ich mich wieder versprochen, das wir sie natürlich in ein festes Arbeitsverhältnis übernehmen, wie klingt das für sie.
Ohne Umschweife sage ich ab, wieder einer dieser Arbeitsvermittler, es hat sich mittlerweile ein echter Scheinmarkt entwickelt, es werden Stellen mehrfach von verschiedenen Vermittlern ausgeschrieben, bezahlt wird weit unter Tarif und irgendwie hofft man immer das es jemanden gibt der das freiwillig macht.
Ich scrolle durch meine Mails und lese etwas lustiges über einen Bewerbungsprozess in dem ich mich schon seit 3 Monaten befinde.
Bitte entschuldigt die Verzögerung. Im April der Manager war in Urlaub und auch Vorgesetzter in Dienstreise und der Manager muss alle Einzelheiten mit dem Senior Manager besprechen. Ich habe eine Nachricht an den Manager verschickt und versuche nächste Woche mit dem Manager bezüglich Ihr Prozess noch einmal zu sprechen.
Ich schmunzel erneut und beende meine Mittagspause und suche weiter nach einem Job der Sinn macht.
